Diabetes und Covid-19 – die aktuelle Studienlage

Berlin, 25.05.2021

Viele Menschen mit Diabetes sind besorgt: Haben sie ein erhöhtes Risiko, an Covid-19 zu erkranken oder – im Fall des Falles – einen schwereren Verlauf zu erwarten? Fakt ist: Unter den relevanten Vorerkrankungen sticht Diabetes als besonders risikoreich hervor. Dies betrifft sowohl den Typ-1- als auch den Typ-2-Diabetes.

Diabetes mellitus wurde bereits früh im Verlauf der Corona-Pandemie als Risikofaktor identifiziert. Immer mehr Daten weisen darauf hin, dass ein erhöhtes Risiko für einen schweren Krankheitsverlauf, Intensivpflichtigkeit und Mortalität besteht: Beispielweise zeigen epidemiologische Daten aus England ein um 23 % erhöhtes Mortalitätsrisiko für Menschen mit Diabetes, unabhängig von Alter, Geschlecht, Übergewicht oder Komorbiditäten.1 Laut einer Studie aus Frankreich starb jeder*jede 10. Covid-19-Patient*in mit einem Diabetes innerhalb der ersten 7 Tage nach der stationären Aufnahme.2 Gleichzeitig besteht ein erhöhtes generelles Infektionsrisiko.3

Schützt eine gute Blutzuckereinstellung vor schweren Corona-Symptomen?

Corona-Viren gelangen über einen Rezeptor in die Zelle, der bei Diabetikern*innen im Lungengewebe typischerweise überexprimiert ist: der sog. ACE2-Rezeptor, dessen Expression mit der Plasmaglukoseeinstellung korreliert.4,5,6 Es gibt Hinweise darauf, dass die Glykosylierung des ACE2-Rezeptors, die durch eine Hyperglykämie ausgelöst wird, den Bindungsprozess des ebenfalls stark glykosylierten Spike-Proteins von SARS-CoV2 mit dem ACE2-Rezeptor beeinflussen kann.7,8 Ein gut kontrollierter Blutzuckerspiegel könnte demnach die Schwere von Covid-19-Symptomen bei Menschen mit Diabetes reduzieren.8

Es gibt zahlreiche Studien, die Patienten*innen mit hoher Plasmaglukose zum Zeitpunkt der Hospitalisierung eine schlechtere Prognose bescheinigen.5 Die Überlebensrate von Patienten*innen mit gut kontrollierbarer Plasmaglukose ist höher als bei Patienten*innen, bei denen sich die Plasmaglukose nur schlecht kontrollieren lässt.5 Ein weiterer Aspekt ist, dass SARS-CoV2 im Verlauf der Infektion die Expression von ACE2 zu unterdrücken scheint. Da ACE2 auch an der Regulation der Insulinsekretion beteiligt ist und die Zellen vor Entzündungsreaktionen schützt, beeinflusst dies bei Menschen mit Diabetes den Stoffwechselzustand und den allgemeinen Krankheitsverlauf.9

Einfluss des Blutzuckers auf die Immunantwort

Neben dem akuten Lungenversagen fürchtet man im Verlauf einer Covid-19-Erkrankung eine überschießende Immunantwort, einen sog. Zytokinsturm. Dabei kommt es zur Ausschüttung von vielen entzündungsvermittelnden Botenstoffen, was zu Multi-Organversagen mit tödlichem Ausgang führen kann. Ein hoher Blutzucker hat ebenfalls negative Auswirkungen auf die Immunantwort: So haben Covid-19-Patienten*innen mit erhöhter Plasmaglukose höhere CRP-Werte, andere Interleukin-6-Verläufe sowie deutlich veränderte Lymphozytenzahlen und -funktion.10

SARS-CoV-2 infiziert die Bauchspeicheldrüse

Schwere Verläufe von Covid-19 betreffen nicht nur die Atemwege, den Verdauungstrakt, das Herz-Kreislauf- und Nervensystem, sondern u. U. auch die Bauchspeicheldrüse. Dort werden die insulinproduzierenden Beta-Zellen infiziert. Forschende des Ulmer Universitätsklinikums konnten nachweisen, dass bei schweren Krankheitsverläufen auch die Regulation des Blutzuckerspiegels gestört sein kann. Dies erklärt möglicherweise das Auftreten von diabetesähnlichen Krankheitssymptomen bei Covid-19-Patienten*innen sowie die Verschlechterung des Glukosestoffwechsels bei erkrankten Menschen mit Diabetes.11 Handlungsempfehlungen hat die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) in einem Positionspapier „Praktische Empfehlungen zum Diabetes-Management bei Patientinnen und Patienten mit einer Covid-19-Erkrankung" zusammengestellt.

Hinweise für Ihre Patienten*innen

  • Menschen mit Diabetes sollten die allgemeinen Schutzmaßnahmen und ganz besonders eine gute Blutzuckereinstellung beachten.
  • Ein veränderter Tagesrhythmus, z. B. durch Homeoffice, kann Bewegung und Ernährung beeinflussen, sodass der Insulinbedarf steigt. Dann ist eine Anpassung der Medikamenteneinnahme notwendig.
  • Wichtig ist auch, erste Anzeichen einer möglichen Corona-Infektion richtig zu deuten: Dazu zählen Husten, erhöhte Temperatur, Kurzatmigkeit, Müdigkeit oder Schnupfen.
  • Im Verdachtsfall sollten Ihre Patienten*innen Sie telefonisch kontaktieren. Dann können Sie entscheiden, ob ein Test sinnvoll ist oder Ihr*Ihre Patient*in sich in Quarantäne begeben sollte.
  • Sollte sich Ihr*Ihre Patient*in einer stationären Behandlung unterziehen müssen, ist es wichtig, die behandelnden Ärzte*innen über die Diabeteserkrankung zu informieren.
  • Seriöse Informationen zu Diabetes und Corona finden Patienten*innen auf den Websites der Diabetes-Fachgesellschaft und -Patientenorganisation, des Bundesgesundheitsministeriumsund des Robert Koch-Instituts.

Weiterführende Informationen

Wertvolle Tipps hat unter anderem die Deutsche Diabetes-Hilfe auf ihrer Internetseite gelistet. Darunter detaillierte Informationen zur „Diabetestherapie in der Extremsituation“ als Print-Version zum Download sowie verschiedene Videos zum Thema „Diabetes in Zeiten des Coronavirus“.


Quellen:
1 Dennis JM et al. Diabetes Care 2020; 44(1): 50–57
2 Cariou B et al. Diabetologia 2020; 63(8): 1500–1515
3 Carey IM et al. Diabetes Care 2018; 41(3): 513–521
4 Hoffmann M et al. Cell 2020; 181(2): 271–280
5 Klaus G. Parhofer MMW Fortschr Med 2021; 163(1): 45–47
6 Rao S et al. Diabetes Care 2020; 43(7): 1416–1426
7 Liao YH et al. J Clin Med 2020; 9(12): 3962, Published online
8 Brufsky A. J Med Virology 2020; 92(7): 770–775
9 Bornstein SR et al. Lancet Diabetes Endocrinol 2020; 8(6): 546–550
10 Zhu L et al. Cell Metab 2020;31(6): 1068–1077
11 Müller JA et al. Nature Metabolism 2021; 3(2): 149–165

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