Mit Ernährung gegen Diabetes – Interview mit Dr. Winfried Keuthage

Berlin, 16.12.2021

Ob in den Leitlinien zur Prävention und Therapie von Adipositas1 oder in der Nationalen Versorgungsleitlinie Typ-2-Diabetes2 – die Ernährungsumstellung ist integraler Bestandteil der nicht-medikamentösen Therapie bei Adipositas und (Prä-)Diabetes. Der Zusammenhang zwischen hohem Körpergewicht und Diabetes ist hinreichend belegt. Ein Kilogramm mehr auf den Rippen ist äquivalent zu einem neunprozentigen Anstieg der Diabetes-Prävalenz.1 Doch keine Angst vor den Feiertagen – Gewicht legt man nicht zwischen Weihnachten und Neujahr, sondern vor allem zwischen Neujahr und Weihnachten zu. Wie schön wäre es da, wenn es einen Weg gäbe, den Blutzucker zu senken und das Gewicht zu reduzieren – nur durch die Ernährung. Gibt es – sagt Dr. med. Winfried Keuthage, Ernährungsmediziner und Diabetologe DDG, aus Münster. Hafer – klingt altbacken, ist aber aktueller denn je und durch Studien belegt. Damit Sie ihren Patienten*innen nicht PubMed zum Kochen an die Hand geben müssen, hat Herr Dr. Keuthage ein Buch mit Rezepten geschrieben.


Herr Dr. Keuthage, welchen Stellenwert hat die Ernährungsberatung bzw. -therapie in der Prävention und Behandlung des Typ-2-Diabetes?


Dr. med. Winfried Keuthage: Eine Ernährungsumstellung ist entscheidender Bestandteil der Therapie bei Patienten*innen mit Typ-2-Diabetes oder Adipositas. In Kombination mit Bewegung und Schulungen zum Selbstmanagement der Erkrankung kann sie sich günstig auf das Körpergewicht und auf den Blutzucker auswirken. Es gibt sogar Studien, die die Möglichkeit einer Remission des Typ-2-Diabetes im Zuge einer Lebensstilintervention nahelegen.3 Wir rechnen in den nächsten Jahren mit einem massiven Anstieg der Diabetesprävalenz. Also höchste Zeit, auch an die Prävention zu denken. Hier ist die Ernährung eine wichtige Stellschraube: Nicht nur die Kalorienzufuhr, sondern auch die Zusammensetzung bzw. Qualität der Nahrung ist entscheidend.


Wenn der Nutzen so augenscheinlich ist, warum tun sich die Menschen so schwer mit der Ernährungsumstellung?


Dr. med. Winfried Keuthage: Zum einen ist die Ernährungstherapie noch nicht so in der Behandlungsrealität angekommen, wie es eigentlich wünschenswert wäre. Menschen mit ernährungsbedingten Erkrankungen – wie zum Beispiel Diabetes – haben Anspruch auf eine individuelle Ernährungsberatung und eine Kostenerstattung durch die Krankenkasse in Höhe von 60 bis 80 Prozent der Kosten. Dies ist aber vielen nicht bekannt. Selbst mit Unterstützung ist aber oft das Durchhalten das Problem. Langzeitdaten belegen, dass nur 10 bis 15 Prozent aller Patienten dauerhaft eine Lebensstiländerung aufrechterhalten.4

 

„Die Ernährungstherapie ist noch nicht so in der Behandlungsrealität angekommen, wie es eigentlich wünschenswert wäre.“


Wie hält man die Patienten*innen also bei der Stange?


Dr. med. Winfried Keuthage: Der Praxisalltag zeigt es immer wieder – entscheidend für einen Erfolg ist, dass sich die Ernährungsumstellung im Alltag lange gut durchhalten lässt. Wir haben über Jahre hinweg sehr gute Erfahrungen mit den Hafertagen gemacht. Hier haben wir viel Spielraum: Bei anfänglich hoher Motivation legen wir den Patienten*innen viele stark haferhaltige Mahlzeiten ans Herz. Später bieten sich „gemäßigte“ Hafertage in Kombination mit Gemüse oder Obst an. Wir bemühen uns sehr um Abwechslung und haben inzwischen einige Rezepte zusammengestellt – von Pizza über Pfannkuchen bis Porridge – es gibt mehr Variationsmöglichkeiten, als man denkt.


Warum gerade Hafer? Ist nicht jede andere Getreideart genauso gut?


Dr. med. Winfried Keuthage: Hafer wurde schon vor der Entdeckung des Insulins zur Regulation des Blutzuckerspiegels eingesetzt, geriet dann aber in Vergessenheit und hat erst in den vergangenen 25 Jahren eine Renaissance erlebte. Inzwischen wissen wir aus Studien, dass eine Hafer-reiche Ernährung kurzfristige Effekte hat – wie die Regulation der postprandialen Plasmaglukose – und langfristig Effekte wie einen niedrigeren HbA1c und ein geringeres Gewicht. Die Erfolge sind auch gegenüber einer Vergleichsgruppe mit faserreicher, fettreduzierter Diät und vergleichbarer Kalorienaufnahme sowie Anteilen an Kohlenhydraten, Fetten und Proteinen sichtbar.5
Selbst die im Oktober 2021 erschienenen DDG-Praxisempfehlungen raten zur Durchbrechung starker Insulinresistenz zu zweitägigen Hafer- bzw. Ballaststofftagen. Die Autoren sehen es als gut belegt, dass die Blutglukosewerte nach dem Verzehr ballaststoffreicher Haferprodukte im Vergleich zu anderen Mahlzeiten mit einer vergleichbaren Menge an Kohlenhydraten nicht so stark ansteige.6


„Aus Studien5 wissen wir, dass eine Hafer-reiche Ernährung die postprandialen Plasmaglukose reguliert, den HbA1c absenkt und das Gewicht reduziert.“


Gibt es Hinweise darauf, welche Bestandteile im Hafer diesen positiven Effekt ermöglichen?


Dr. med. Winfried Keuthage: Hafer hat mehrere „Health Claims“, also nachweislich gesundheitsfördernder Effekte. Grund hierfür ist vor allem das Beta-Glucan, ein wasserlöslicher Ballaststoff, welcher in besonders großen Mengen im Hafer zu finden ist. Er beeinflusst das intestinale Milieu, sodass Kohlenhydrate und Fette im Darm langsamer aufgenommen werden. So entsteht dann auch ein längeres Sättigungsgefühl, was zu einer Reduktion der Nahrungsaufnahme führt. Studiendaten weisen darauf hin, dass auch das Darmmikrobiom beeinflusst wird, sich z. B. die Diversität der Bakterien erhöht, was wiederum das Adipositas-Risiko reduzieren könnte.5 Von der Hafer-reichen Ernährung kann also im Prinzip jeder profitieren.

Weiterführende Informationen


Auf www.hafertage.com können Sie weitere Informationen erhalten, sich für einen Newsletter anmelden und Rezepte herunterladen. Aktuell läuft auch eine Umfrage unter Diabetes-Fachkräften zur Umsetzung der Hafertage bei Menschen mit Typ-2-Diabetes.

Die neuen DDG-Praxisempfehlungen zur Ernährung bei Typ-2-Diabetes vom Oktober 2021 erhalten Sie hier.

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung hat auf ihrer Website wichtige Informationen zur Ernährungsberatung und -therapie zusammengefasst.


Quellen:
1. DAG e.V. Interdisziplinäre Leitlinie der Qualität S3 zur „Prävention und Therapie der Adipositas“ (Version 2.0) 2014
2. NVL Typ-2-Diabetes. Teilpublikation der Langfassung 2021; 2. Auflage, Version 1
3. Lean EL. Lancet 2018; 391(10120): 541-551
4. Deutsche Diabetes Gesellschaft. Presseinformation 14. Diabetes Herbsttagung. 03.11.2020
5. Li X et al. Nutrients 2016; 8(9): 549
6. Skurk T et al. Diabetologie und Stoffwechsel 2021; 16 Suppl2: 255-289

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