100 Jahre Insulin – 100 Jahre Diabetesbehandlung?

Berlin, 24.08.2021

Es gibt ein besonderes Jubiläum zu feiern: Vor 100 Jahren wurde das Hormon Insulin erstmals isoliert und Hunden mit induziertem Diabetes injiziert! Bereits im Folgejahr kam es zum klinischen Einsatz am Menschen und ist in der Diabetestherapie seither unentbehrlich. Während der Nutzen der Insulinsubstitution geblieben ist, haben sich die Technologien zur Anwendung stetig weiterentwickelt. Für Menschen mit Typ-2-Diabetes kamen orale Arzneimittel als Behandlungsoption hinzu. Heutzutage bieten Unternehmen wie die BERLIN-CHEMIE AG nicht nur Insuline, Injektionssysteme und orale Antidiabetika, sondern entwickeln begleitende Programme, die die Diabetesversorgung als Ganzes unterstützen.

Forschung ist vergänglich – was heute noch „State of the Art“ ist, ist morgen schon Schnee von gestern. Nicht so die Entdeckung des kanadischen Orthopäden Frederick G. Banting und dessen studentischen Assistenten Charles H. Best – Insulin, das nach der Extraktion aus Bauchspeicheldrüsen injizierbar ist und blutzuckersenkende Effekte zeigt.1 Damals hätten sich die beiden Forscher wohl nicht träumen lassen, welche Bedeutung ihre Entdeckung hat. Selbst als sie zwei Jahre später den Nobelpreis für Physiologie oder Medizin erhielten, konnten sie wohl nicht erahnen, wie vielen Menschen mit einem Insulinmangeldiabetes der Pankreasextrakt das Leben retten würde. Seither hat sich die Produktion des Hormones deutlich weiterentwickelt: Kurz nach der ersten klinischen Anwendung 1922 begannen mehrere Firmen weltweit, sich an der Herstellung zu beteiligen – so stieg etwa die BERLIN-CHEMIE AG, die damals den Namen Chemische Fabrik C.A.F. Kahlbaum trug, bereits im Jahr 1924 in die Insulinproduktion ein und arbeitete parallel dazu an der Einführung oraler Antidiabetika.2 Die Produktion und der Reinheitsgrad des Insulins wurden stetig verbessert. Entwicklungen, wie das schnell wirkende Normalinsulin oder Depotpräparate, folgten.1 Die Aufklärung der Primärstruktur 1955 stellte dann die Weichen für die synthetische Herstellung des Humaninsulins (1974) und die Modifikation des Moleküls. Die sogenannten Insulinanaloga zeigten die gewünschten pharmakologischen Eigenschaften, wie einen schnellen und intensiven oder auch langwirkenden Effekt.1

Neue Technologien und der „Faktor Mensch“

Eine vielversprechende Therapie für Diabetes mellitus war also gefunden – aber wie sollte das Insulin in die Körper der Menschen gelangen? Vermutlich hätte sich auch Banting eine orale Möglichkeit der Verabreichung gewünscht, um Menschen mit Diabetes das Spritzen zu ersparen. Es stellte sich jedoch heraus, dass das nicht möglich war.3 Es braucht also damals wie heute Technologie in Form von Spritzen und Kanülen. Da eine Injektion in das Unterhautfettgewebe nicht gerade angenehm ist, spielt der „Faktor Mensch“ eine wichtige Rolle im Zusammenhang mit dem Therapieerfolg. Den Patienten*innen die Angst vor der Injektion zu nehmen, war seit jeher Ansporn zur Entwicklung neuer Technologien.

Die heutigen Insulinpens können wie Kugelschreiber in der Tasche getragen werden3 und erinnern von ihrem Aussehen her kaum noch an klassische Spritzen. Die wiederverwendbaren Pens werden mit Insulin-Ampullen befüllt. Seit Ende der 1980er-Jahre sind zudem Fertigpens auf dem Markt, in denen die Ampullen bereits integriert sind.3

Die richtige Therapie für jede*n Patient*in

Heute gibt es neben dem kurzwirksamen Normalinsulin4 mehrere Insulinanaloga, deren pharmakologisches Wirkprofil bei der Herstellung im Labor gezielt verändert wurde.1 Dadurch sind heute Insuline mit sehr unterschiedlicher Wirkdauer auf dem Markt – von zwei bis drei Stunden bis hin zu 42 Stunden.4 Als Basalinsulin werden dabei in der Regel langwirksame Analoga, Mischungen aus lang- und kurzwirksamen oder sogenannte NPH-Basalinsuline injiziert. Das „Neutral Protamin Hagedorn“, das letzteren beigemischt ist, verlangsamt den Übertritt des Insulins aus dem Unterhautfettgewebe in die Blutbahn.4 Während die Wirkung bei den langwirksamen Analoginsulinen gleichmäßig stark verläuft, entfalten kurzwirksame Insuline schon nach einer bis drei Stunden ihre maximale Wirkung, die dann innerhalb weniger Stunden wieder abebbt.4 Kurzwirksame Insuline (Normalinsulin oder Analoga) werden daher zu den Mahlzeiten gespritzt.

Therapie des Typ-2-Diabetes – mehr als Insulin

Lange war Insulin das einzige Medikament, mit dem der Diabetes behandelt werden konnte. Für den Typ-1-Diabetes trifft das auch immer noch zu. Viele Menschen mit Typ-2-Diabetes werden heute jedoch mit oralen Antidiabetika behandelt. Diese Medikamente sind zwar nicht ganz so alt wie die Insulintherapie, haben jedoch auch eine lange Geschichte hinter sich: Schon Anfang der 1950er-Jahre wurden erste orale Antidiabetika entwickelt.5 Durch die oralen Antidiabetika sind viele Menschen mit Typ-2-Diabetes nicht auf die Injektion von Insulin angewiesen, manche Patienten*innen benötigen diese dennoch im Laufe ihres Lebens. Patienten*innen stehen verschiedene injizierbare sowie orale Medikamente und deren Kombination zur Verfügung, mit deren Hilfe die Diabetestherapie individuell an ihre Bedürfnisse und Lebensrealitäten angepasst werden kann. Im Rahmen der „Partizipativen Entscheidungsfindung“, die die Nationale VersorgungsLeitlinie (NVL) Typ-2-Diabetes propagiert, sollen die Patienten*innen intensiv in den Entscheidungsprozess eingebunden werden.6

Orale Medikamente und Insulin – welche Kombinationsmöglichkeiten gibt es bei Typ-2-Diabetes?


Basal unterstützte orale Therapie (BOT): Kombination von Basalinsulin mit einem oralen Antidiabetikum, in der Regel Metformin. Diese Therapieform ist mahlzeitenunabhängig und weist ein niedriges Risiko für Hypoglykämien auf.7

Kombination von Basalinsulin mit subkutan verabreichten GLP-1-Rezeptoragonisten mit oder ohne orale Antidiabetika: Bei dieser Therapie ist der Insulinbedarf gering, zudem fällt die Gewichtszunahme der Patienten*innen weniger stark aus oder entfällt sogar ganz.7

Supplementäre (ergänzende) Insulintherapie (SIT): An die jeweiligen Kohlenhydratmengen angepasste Injektion von kurzwirksamem Insulin oder Normalinsulin zu den Hauptmahlzeiten. Diese Therapie ermöglicht flexible und spontane Essgewohnheiten und lässt sich an einen Alltag mit Schichtdienst und/oder stark wechselnde körperliche Belastung anpassen. Der Schulungsaufwand ist allerdings höher und das Risiko für Hypoglykämien größer.7

Konventionelle Insulintherapie (CT): Ein bis zwei Injektionen einer festen Insulinmischung. Diese Therapie ist einfach zu handhaben, aber wenig flexibel, obwohl Anpassungen der Insulindosis möglich sind. Zudem ist das Risiko für Hypoglykämien höher als mit Basalinsulin allein, jedoch niedriger als bei präprandialer oder intensivierter konventioneller Therapie.7

Intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT): Aufteilung des Insulinbedarfs in Basal- und Bolusinsulin zur Abdeckung der Kohlenhydrateinheiten/Broteinheiten und ggfs. zur Korrektur.7

Insulinpumpentherapie (CSII): Diese Art der Therapie ist bei Menschen mit Typ-2-Diabetes selten indiziert.7

Diabetestherapie heute – digital und patienten*innennah

Eine erfolgreiche Diabetestherapie setzt sich aus vielen unterschiedlichen Bausteinen zusammen. Dazu zählt auch, Patienten*innen zu Experten*innen ihrer eigenen Erkrankung zu machen. Gerade nach der Erstdiagnose haben sie einen großen Beratungs- und Schulungsbedarf, oft tauchen Fragen gerade zwischen den Praxisterminen oder im Vorfeld der ersten Schulung auf. Das digitale Therapiebegleitprogramm TheraKey® bietet Patienten*innen relevante Informationen zu ihrer Erkrankung aus seriöser Quelle. Es ermöglicht zudem die optimale Einbindung ihrer Angehörigen als wertvolle Unterstützung beim aktiven Management der Erkrankung.

Mehr Infos rund um Insulin


Die erste Teilpublikation der Nationalen VersorgungsLeitlinie (NVL) Typ-2-Diabetes finden Sie hier.

Informationen über die unterschiedlichen Insulinarten und ihre Wirkung finden Sie auf der Homepage der diabetesDE – Deutsche Diabetes-Hilfe.

Nicht verpassen: Am 25. August dreht sich in der interaktiven Diskussionsreihe „Dia:cussion“ alles um die Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes. Prof. Dr. Rüdiger Landgraf (München) und Dr. Andreas Lueg (Hameln) diskutieren im Livestream miteinander. Die Diskussion wird wie gewohnt als Podcast aufgezeichnet und steht damit als zertifizierte eCME-Fortbildung zur Verfügung. Zu allen Dia:cussion-Folgen gelangen Sie hier.


Quellen:
1. Diem P. Ther Umsch 2020; 77(7): 289-296
2. www.diabetes.berlin-chemie.de (Stand 28.06.2021)
3. Thomas A. Diabetes Stoffw Herz 2021; 30(2): 130-135
4. www.diabetesde.org (Stand 14,07.2021)
5. www.arzneimittel-atlas.de, 03.02.21
6. Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes - Teilpublikation (2. Auflage) 2021: 16-18
7. Nationale VersorgungsLeitlinie Typ-2-Diabetes - Teilpublikation (2. Auflage) 2021: 53-60

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