Die elektronische Diabetesakte (eDA) der DDG – Interview mit Prof. Dr. med. Dirk Müller-Wieland

Berlin, 13.10.2021

Die Digitalisierung verändert alle Bereiche des Gesundheitswesens und bietet neue Chancen, die Versorgung von Patienten*innen zu verbessern. Mit der elektronischen Diabetesakte (eDA), angeschlossen an die elektronische Patientenakte (ePA), möchte die DDG (Deutsche Diabetes Gesellschaft) dazu beitragen. Stimmen die Patienten*innen zu, sollen mithilfe der eDA auch Registerdaten erhoben werden. Sie liefern „Real care evidence“ – und ermöglichen auf diese Weise, Versorgungsprozesse laufend zu evaluieren und bei Bedarf anzupassen. Prof. Dr. med. Dirk Müller-Wieland (Aachen), Vorsitzender der Kommission „Digitalisierung“ der DDG, erklärt die Hintergründe.


Herr Prof. Müller-Wieland, die DDG möchte die eDA an die bestehende Struktur der ePA anschließen – wie darf man sich das vorstellen?


Prof. Müller-Wieland: Die eigentliche Leistung der elektronischen Patientenakte (ePA) besteht aus zwei Aspekten – einem technischen und einem inhaltlichen (semantischen). Der technische Aspekt der ePA – geregelt durch die Telematik und die Telematikinfrastruktur (TI) – ermöglicht, dass die diversen Krankenhausinformations- (KIS) und Praxisverwaltungssysteme (PVS), die bisher nicht miteinander kommunizieren konnten, erstmals technisch interoperabel werden. Das heißt, die ePA regelt technisch den transsektoralen Zugang und Datenaustausch.
Für die elektronische Diabetesakte (eDA) erfolgt die Dateneingabe im Wesentlichen bereits über den Zugang der ePA. Es soll keine Parallelwelt entstehen, sondern eine auf den Diabetes fokussierte Vertiefung von Inhalten und Strukturen. Natürlich muss der Patient zur eDA separat zustimmen.
Nun zum inhaltlichen Aspekt: Die Verantwortung und Hoheit über die entsprechenden medizinischen Inhalte der ePA – also die Semantik – hat der Gesetzgeber der KBV übertragen. Die sogenannten medizinischen Informationsobjekte oder MIOs, die jetzt eben für verschiedenste Dinge langsam entstehen und weiterentwickelt werden, enthalten viele medizinisch relevante Informationen, die wir bei der Versorgung von Patienten mit Diabetes mellitus nutzen können.

 

 

„Die eDA soll die Versorgung von Menschen mit Diabetes verbessern.“


Stichwort Interoperabilität – mit welchen anderen Strukturen/Angeboten soll die eDA vernetzt werden?


Prof. Müller-Wieland: Die eDA nutzt die Strukturen der ePA und soll mit den Infrastrukturen der z. T. gesetzlich vorgegebenen Angebote der Kostenträger, mit regionalen Projekten oder entstehenden Forschungsplattformen vernetzt werden. Und das heißt, die eDA wird interoperabel sein. Das bedeutet aber natürlich auch, dass wir diese technischen und teilweise auch inhaltlichen Voraussetzungen von den Partnern erwarten, die sich mit der eDA verbinden wollen. Die KIS und PVS müssen das ja im Wesentlichen über die ePA leisten. Zusätzlich gibt es auch weitere Entwicklungen, wie etwa bestimmte Wearables, digitale Gesundheitsanwendungen (DiGA) oder neben klinischen Informationssystemen auch leitlinienbasierte Entscheidungshilfen. All diese Anbieter müssen zu diesem System interoperabel sein, sonst kann man und wird man sie nicht an die eDA andocken. Dasselbe gilt auch für die Blutzuckermess- bzw. CGM-Systeme.
Zudem streben wir bei dem Standard der eDA eine Interoperabilität auf europäischer Ebene an. Ziel ist, eines Tages nicht nur ein nationales Diabetesregister und eine Versorgungsforschung „in time“ zu ermöglichen, sondern auch eine datenbasierte Gestaltung der Gesundheitspolitik sowie eine Einbindung in eine europäische Gesundheitsversorgung.

 

„Mit dem Diabetesregister haben wir Daten zur tatsächlichen Versorgungsrealität.“


Welches Ziel verfolgt die DDG mit der eDA? Inwiefern kann die Versorgung der Patienten*innen hierdurch verbessert werden?


Prof. Müller-Wieland: Wir sehen die medizinische Legitimität und Plausibilität der Fachgesellschaften und damit auch der DDG darin, dass sie einen so tiefgreifenden Wandel wie die digitale Transformation des Gesundheitswesens aktiv mitgestalten und konkrete medizinische Standards mitdefinieren. Durch die Digitalisierung besteht die Chance, die medizinische Versorgung flächendeckend und auf hohem Niveau zu gewährleisten. Die eDA soll die Versorgung von Menschen mit Diabetes verbessern. In der Diabetologie gibt es schon jetzt eine hohe Strukturqualität und ein hohes Niveau der Leitlinien. Trotzdem hängt die Versorgung der Patienten noch sehr stark vom Wohnort und dem behandelnden Arzt ab. Hier könnte der transsektorale und interdisziplinäre Datenaustausch mittels eDA die Prozess- und Ergebnisqualität der Versorgung monitorieren, steuern und schließlich verbessern. Ich denke, dass dies eine sehr sinnvolle Entwicklung im Hinblick auf das schwierige, aber wichtige Thema der Patientenorientierung darstellt. Patientenorientierung heißt eben auch Prozess- und Ergebnisqualität. Stichwort Versorgungsqualität – es reicht nicht, zu behaupten, dass wir sie haben. Wir müssen auch belegen, dass wir sie abliefern. Und da ist sicherlich das digitale Tool und u. a. die eDA sehr hilfreich.


An die eDA soll ein Register angeschlossen werden – wofür sollen die Patientendaten nutzen werden?


Prof. Müller-Wieland: Der Charme der eDA besteht darin, dass sie aus zwei Teilen aufgebaut ist: Einmal aus der eigentlichen klinischen Akte, daneben aber auch aus verschlüsselten Patientendaten, die dann in ein elektronisches Diabetesregister hinübergehen. Mit dem Register können wir Analysen durchführen, Forschung betreiben, Fragestellungen bearbeiten. Wir erhalten auf diese Weise Daten zur tatsächlichen Versorgungsrealität. Das wird uns im gesundheitspolitischen Bereich dabei helfen, eine datenbasierte Diskussion zu führen. So können wir etwa Defizite oder Überversorgungen schnell verändern. Ganz konkret haben wir auf diese Weise die Möglichkeit, Versorgungsfragen zur Verwendung von bestimmten Medikamenten, diagnostischen Maßnahmen und Patientenpfaden zu definieren. Wir können sehr schnell versorgungsorientierte Datensätze analysieren. Mit den Registerdaten verstehen wir viel schneller, welche Patientengruppen auf welche therapeutischen Maßnahmen ansprechen und auf welche eben nicht. Und das Ganze wird natürlich auch die Möglichkeit bieten, in der Entwicklung befindliche neue digitale Hilfsmittel relativ schnell versorgungsrelevant zu evaluieren. Damit wird das an die eDA angeschlossene elektronische Diabetesregister zum Schlüssel für moderne Fragen der Versorgung und Forschung – mit dem Ziel, die tägliche Klinik zu unterstützen.


Wie weit sind Sie mit der technischen Umsetzung?


Prof. Müller-Wieland: Bei der ePA haben wir den politischen Rahmen der Einheitlichkeit – also wann, wie und in welcher Form die ePA kommt und wie sich der Gesetzgeber den Datenaustausch vorstellt – über zwei, drei Jahre in der Diskussion begleitet. Seit dem 1. Januar 2021 ist alles definiert und damit verpflichtend. Bei der Umsetzung der eDA wird die technische Konstruktion zeitnah fertig sein. Für die inhaltliche Komponente konstruieren wir im Moment einen Prototypen. Er orientiert sich sehr an dem Datensatz des Disease-Management-Programms für Patienten mit Typ-2-Diabetes. Wir gehen davon aus, dass wir Anfang 2022 in einer größeren Fläche mit einer Pilotphase starten können.

Weiterführende Informationen


Mehr Details zur eDA und weiteren Digitalisierungsprojekten der DDG bekommen Sie hier.

Prof. Müller-Wieland war in diesem Jahr auch zu Gast in der Dia:cussion. In „Elektronische Patientenakte: Alles oder Nichts?“ hat er mit Dr. Nikolaus Scheper eine spannende Diskussion über digitale Patientendaten geführt. Sie können in den Podcast reinhören oder mit eCME 2 Punkte sammeln.

Mehr von der Dia:cussion: Einen feurigen Schlagabtausch zum Thema TI haben sich Lars Gottwald von der gematik und Dr. Martina Lange geliefert. Hören Sie rein.

Im Podcast „EinBlick – nachgefragt" steht Charly Bunar von der gematik Rede und Antwort zum Thema ePA.

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