Digitale Anwendungen besser in die Fläche bringen – Interview mit Prof. Dr. Kulzer

Berlin, 17.03.2022

Erleichterungen in der Diabetestherapie und ein besseres Diabetesmanagement für Patienten*innen – dass die Digitalisierung viel Potenzial mitbringt, die Diabetologie entscheidend nach vorne zu bringen, daran besteht kein Zweifel. Auch die Umfrage des Digitalisierungs- und Technologiereports Diabetes 2022 (D.U.T) bestätigt diese positive Grundeinstellung gegenüber der Digitalisierung auf Patienten- wie auf Diabetologenseite. Was Diabetesteams im Praxisalltag jetzt an Unterstützung benötigen, damit sich digitale Neuerungen noch schneller etablieren, erklärt Prof. Dr. Bernhard Kulzer.


Herr Prof. Kulzer, die Umfrageergebnisse des D.U.T 2022 zeigen deutlich, dass der überwiegende Teil der Diabetologen*innen und Menschen mit Diabetes eine positive Einstellung zur Digitalisierung in der Diabetologie hat.


Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer: Richtig, die Umfrageergebnisse zeigen sehr deutlich auf, dass die Menschen mit Diabetes und Ärzte*innen eine sehr positive Einstellung zur Digitalisierung und neuen Technologien haben. Die Zustimmungswerte liegen weit über den Umfragewerten in der Allgemeinbevölkerung zur Digitalisierung allgemein. Die hohe Zustimmung hat sicher etwas mit den positiven Erfahrungen zu tun, die gleichermaßen Menschen mit Diabetes wie auch die Ärzte*innen mit digitalen Anwendungen machen. Denn es gibt gute wissenschaftliche Belege, dass moderne Technologien das Risiko für Akut- wie Folgekomplikationen reduzieren und das Leben mit Diabetes einfacher und weniger belastend machen. Dies erleben auch Ärzte*innen wie Menschen mit Diabetes im persönlichen Umgang mit CGM, Insulinpumpen, AID-Systemen aber auch mit Apps oder telemedizinischen Anwendungen. So beruht die positive Einstellung häufig auf guten Erfahrungen und der Hoffnung, dass diese in der Zukunft noch besser werden.


Woran liegt es, dass es in einigen Bereichen große Unterschiede in der Beurteilung digitaler Entwicklungen zwischen Menschen mit Diabetes und Ärzten*innen gibt?


Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer: Tatsächlich beurteilen Menschen mit Diabetes und Ärzte*innen die aktuelle und zukünftige Bedeutung und Nutzung bestimmter digitaler Anwendungen unterschiedlich. Bezüglich telemedizinischer Anwendungen, Apps oder der elektronischen Patientenakte (ePA) fällt das Urteil über die aktuelle Situation und auch die Erwartungen an die Zukunft von Patienten*innen positiver aus als das Urteil von den befragten Diabetologen*innen. Damit äußern Patienten*innen sehr deutlich den Wunsch nach mehr digitalen Therapieangeboten. Auf Ärzteseite ist das Urteil sicher auch von den bisherigen Entwicklungen der Digitalisierung geprägt, die – siehe ePA – nicht nur positiv waren, von ungelösten technischen Problemen in der Anwendung und sicher auch von ungeklärten Fragen der Honorierung.


Auch beim Thema Videosprechstunde oder Videoschulung gibt es Unterschiede in der Bewertung – was hat die Pandemie und die Entwicklung in den letzten zwei Jahren damit zu tun?


Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer: Die Ergebnisse zur Nutzung der Videosprechstunde und -schulung überraschen tatsächlich. Hier sind sich beide Gruppen einig: Sie werden nur sehr selten angeboten. Und das, obwohl die Umfrage während der Covid-19-Pandemie durchgeführt wurde, in der Videosprechstunden und die Videoschulung teilweise die einzige Möglichkeit für Diabetologen*innen war, Menschen mit Diabetes, die nicht in die Praxis kommen konnten, zu erreichen. Anscheinend ist die Digitalisierung in der Praxis dann doch nicht so fortgeschritten.

Interessant ist jedoch, dass laut der Umfrage fast jede dritte Person mit Diabetes angibt, bei der Wahl zwischen einer Präsenz- oder Videoschulung, die digitale Schulung zu bevorzugen und ca. 60 % ein Angebot der Videosprechstunde in den nächsten Jahren nutzen würden. Dies zeigt, dass telemedizinische Anwendungen in Zukunft ein ganz normales Angebot in einer diabetologischen Praxis sein sollten, damit Patienten*innen nach Präferenz wählen können, welche Form der Behandlung sie wahrnehmen möchten.


Welche Unterstützungen braucht es denn darüber hinaus für die Diabetologen*innen im Praxisalltag? An was fehlt es momentan noch?


Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer: Die D.U.T-Umfrage zeigt, dass die meisten Diabetologen*innen die bisherigen Datenschutzbestimmungen noch immer für nicht zielführend halten, um rechtssicher Daten zu speichern oder weiterzuleiten, Clouds zu verwenden oder Server von Firmen zu nutzen, die im Ausland stehen oder Analytics-Tools nutzen, die problematisch sind. Dies ist sicher ein bedeutsames Hemmnis der Digitalisierung. Für einen problemlosen Austausch von Daten ist auch eine funktionierende Telematikinfrastruktur notwendig, bei der es in Deutschland nach wie vor hapert. Fast völlig ungelöst sind auch die Fragen der Honorierung für die Beratung, Schulung und therapeutische Unterstützung von Menschen mit Diabetes durch Diabetesteams, was naturgemäß eine große Barriere für die Umsetzung digitaler Angebote ist. Denn momentan sind digitale Lösungen mit einem Mehraufwand verbunden: Immer neue Modelle z. B. von kommerziellen AID-Systemen kommen auf dem Markt, unterschiedlichste Auslesesoftware-Lösungen für die einzelnen kontinuierlichen Glucose-Messsysteme müssen installiert und immer auf dem neuesten Stand sein.


Und wie sieht es für die Diabetesberater*innen und -assistenten*innen aus?


Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer: Für neue Technologien werden Patientenschulungen benötigt, denn nur so werden Menschen mit Diabetes damit gut zurechtkommen. In Bezug auf AID-Systeme gingen die meisten Diabetologen*innen in der aktuellen Umfrage von einem hohen Schulungsaufwand aus. Allerdings passen die aktuellen Regelungen zur Evaluierung und Zertifizierung von Schulungsprogrammen nicht mehr zu der Schnelllebigkeit moderner Technologien. Bis Schulungsprogramme mit neuen Technologien anerkannt werden, ist die Technik schon völlig veraltet. Da müssen wir neue Wege finden, die Zertifizierung zu beschleunigen. Hier sollten dringend von dem gemeinsamen Bundesausschuss (GBA) neue Kriterien geschaffen werden. Was nach meiner Meinung auch nicht mehr passt, sind die Vergütungsformen für Diabetesberater*innen und -assistenten*innen. Diese werden aktuell nur für Schulungen honoriert, nicht jedoch für die Einweisung und Betreuung von Technologien und technischen Anwendungen.


Aus der Umfrage kann man ebenfalls herauslesen, dass Menschen mit Diabetes auf der einen Seite und Diabetologen*innen auf der anderen Seite unterschiedliche Themengebiete der Diabetologie als wichtig erachten. Welche Bedeutung hat das für die Zukunft der Diabetestherapie?


Prof. Dr. Dipl.-Psych. Bernhard Kulzer: Im Bereich des Typ-1-Diabetes und bei Eltern von Kindern mit Typ-1-Diabetes stimmen die wichtigsten Themengebiete zwischen Ärzten*innen und Patienten*innen ziemlich überein, allerdings nicht unbedingt beim Typ-2-Diabetes. Hier fällt auf, dass z. B. Apps oder Entscheidungssysteme für Menschen mit Diabetes an hoher Stelle bei der Bedeutung für die Therapie stehen. Von Ärzten*innen werden sie in der Rangfolge etwas weiter unten eingeordnet, hier haben wir eine unterschiedliche Bewertung. Interessant ist auch, dass sowohl für Menschen mit Typ-1- aber auch Typ-2-Diabetes das Thema Interoperabilität ein ganz wichtiger Punkt ist. Sie sind genervt davon, dass verschiedene Systeme oft nicht miteinander interagieren und jedes Unternehmen seinen eigenen Weg sucht, um die Daten des eigenen Devices zu sammeln, abzuspeichern und in einem eigenen Programm aufzubereiten. Die Vielfalt unterschiedlicher digitaler Anwendungen kann für die Patienten*innen auch eine Last darstellen, denn sie hätten gern Lösungen, die miteinander kompatibel sind.

 

Vielen Dank für dieses Plädoyer für mehr Interoperabilität und für mehr und bessere, an die Digitalisierung angepasste Schulungen für Diabetesteams. Digitale Lösungen haben das Potenzial, die Patientenversorgung in den kommenden Jahren und auch jetzt schon stark zu verbessern und die Therapie zu erleichtern – Diabetologen*innen müssen die Möglichkeiten haben, diese Lösungen im Praxisalltag ohne unnötigen Mehraufwand einzusetzen.

Weiterführende Informationen


Hier können Sie sich die Umfrage-Ergebnisse des D.U.T 2022 herunterladen.

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