Mehr Awareness für geschlechtsspezifische Unterschiede bei Diabetes

Berlin, 08.12.2021

Obwohl die weiblichen Hormone die Insulinwirkung beeinflussen, bleiben frauenspezifische Aspekte bei der Behandlung des Diabetes häufig unbeachtet.1 Mehr Awareness und Sensibilität für die Einflüsse des Geschlechts könnten zu einer verbesserten Beratung und Therapie von Patienten*innen beitragen. Auch bei im Rahmen der Digitalisierung eingesetzter Künstlicher Intelligenz (KI) wäre Sensibilität für geschlechtsbezogene Aspekte wünschenswert.

Auffällige Blutzuckerwerte, die sich nicht mit der Insulindosierung erklären lassen – und das sogar bei solchen Patientinnen, die eigentlich gut eingestellt sind. Könnte da vielleicht der weibliche Hormonspiegel dahinterstecken? Schließlich haben bei Frauen mit Diabetes die Level von Östrogen und Progesteron durchaus einen Einfluss auf die Insulinwirkung und -resistenz.1 Das macht sich insbesondere in solchen Phasen des Lebens bemerkbar, in denen es zu starken Schwankungen des Hormonspiegels kommt, wie etwa in der Pubertät, der Menopause oder auch im Rahmen einer Schwangerschaft. Demnach benötigen Patientinnen mit Diabetes eine geschlechtssensible Perspektive in der Versorgung. Leider hat dies – trotz des in den vergangenen Jahren gestiegenen Bewusstseins für eine geschlechterspezifische Gesundheitsversorgung – in der Praxis noch nicht in dem Maße Einzug gehalten, wie es wünschenswert wäre. Zu oft noch sind der männliche Organismus und die auf ihn abgestimmten Behandlungsmethoden das Maß der Dinge.1

Geschlechtssensibilität in der Praxis

Mehr Awareness für eine geschlechtsdifferenzierte Versorgung ist jedoch essenziell, um bei Diabetes sowohl im Rahmen des Screenings, der Diagnose als auch der Abstimmung des therapeutischen Vorgehens auf die individuellen Bedürfnisse der Patienten*innen eingehen zu können. Insbesondere gilt das auch vor dem Hintergrund, dass sich geschlechtsspezifische Unterschiede auf die Entwicklung von Komplikationen und die Mortalitätsrate bei Diabetes auswirken.2 Steroid- und Sexualhormone haben großen Einfluss auf den Glukose- und Lipidstoffwechsel, die Regulation des Energiehaushaltes sowie die Verteilung des Körperfetts und damit auf die assoziierten kardiovaskulären Erkrankungen.2 Altersbedingte Effekte scheinen sich bei Diabetes je nach Geschlecht unterschiedlich zu äußern. Während hormonelle Veränderungen bei Frauen nach der Menopause zu einer sinkenden Insulinsensitivität, einer verminderten β-Zell-Funktion und einem höheren HbA1c führen können, scheint bei Männern über 50 Jahren der Einfluss des Alters auf den Glukose- und Lipidstoffwechsel deutlich geringer auszufallen.3 Um eine bedürfnisgerechte Versorgung aller Menschen mit Diabetes zu erreichen, dürfen deshalb geschlechtsspezifische Unterschiede der Erkrankung nicht außer Acht gelassen werden.

Wird denn digital gegendert?

Trotz deren Modernität, die anderes vermuten ließe, scheint es teilweise auch bei digitalen Technologien und Tools bei der ausreichenden Berücksichtigung von geschlechtsspezifischen Faktoren zu hapern. Dr. med. Christiane Groß, Wuppertal, Präsidentin des Deutschen Ärztinnenbundes (DÄB), fordert in diesem Zusammenhang energisch, mehr geschlechtsdifferenzierte Daten zu erheben und insbesondere bei Tools, die selbstlernende KI verwenden, nachzujustieren.4 Denn viele der derzeit verwendeten biomedizinischen KI-Technologien sind von ihren Algorithmen her gar nicht auf die geschlechtssensible Verwendung der Daten ausgelegt.5 Gelänge es jedoch, ganz gezielt solche Algorithmen einzusetzen, die diese Daten gesichert berücksichtigen, könnte das eine große Chance darstellen. Mit ihrer Hilfe könnte nicht nur eine individuell zugeschnittene geschlechtssensible Versorgung möglich werden. Auch die weitere Erforschung geschlechtsbezogener Risiken, Ausprägungen oder Behandlungsmöglichkeiten von Erkrankungen könnte auf diese Weise einen großen Schub erhalten.


Quellen:
1. Harder A. Diabetes-Forum 2021; 33(6): 46-47
2. Kautzky-Willer A et al. Wien Klin Wochenschr 2019; 131: 221-228
3. Rieser S. Dtsch Arztebl 2015; 112(24): A-1074/B-898/C-870
4. Pressemitteilung Deutscher Ärztinnenbund (DÄB). 01.06.2021
5. Cirillo D et al. npj Digital Medicine 2020; 3: 81

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