ATTD 2022 – Real-World-Daten zu AID-Systemen, CGM für Typ-2 und smarte Insulinpens

Berlin, 18.05.2022

Barcelona – Über digitale Innovationen im Diabetesmanagement informierte auch im 15. Jubiläumsjahr die International Conference on Advanced Technologies & Treatments for Diabetes (ATTD)1. Die Mitglieder des Zukunftsboards Digitalisierung (zd) waren live in Barcelona sowie digital dabei. Im Rahmen der interaktiven Live-Veranstaltung „ATTD kompakt – Diabetes-Technologie im Fokus" stellten die Diabetes-Experten*innen ihre Highlights der Tagung auf der Fortbildungsplattform Berliner-Akademie.de der BERLIN-CHEMIE AG vor. In Interviews mit den Vorsitzenden und internationalen Meinungsbildner*innen des Kongresses wurde diskutiert, welche Entwicklungen für die Praxis besonders relevant sind. Das Fazit der Experten*innen: Die Diabetestechnologie ist in den letzten Jahren für den Therapieerfolg immer bedeutsamer geworden – das zeigt sich mit immer größer werdender Evidenz und immer breiteren Anwendungsgebieten. Die Sendung ist auch on-demand abrufbar.

4.125 Teilnehmer*innen aus 97 Ländern vor Ort in Barcelona oder digital dabei – die internationale Konferenz für Diabetestechnologie, die 2008 in Prag eher als Nischenkongress seinen Anfang nahm, feierte ihr Jubiläum mit hoher Teilnehmerzahl aus aller Welt. „Wir feiern 15 Jahre ATTD und wir blicken auf das, was wir bisher in der Diabetestherapie erreicht haben, widmen uns aber insbesondere neuen Herausforderungen“, erklärte der Kongressvorsitzende Prof. Dr. Moshe Phillip, Petah Tikva (Israel), in der Einführungsveranstaltung zum Kongressstart am Mittwoch, den 27. April. „Der Kongress hatte und hat das Ziel, klinische Wissenschaftler*innen, Ingenieure*innen und Investoren*innen, aber auch Start-ups, Behörden und Menschen mit Diabetes miteinander zu verbinden, um die Entwicklung und Implementierung neuartiger diabetischer Technologien zu erleichtern“. In über 50 Vorträgen, 23 Start-up-Talks, 12 Poster-Präsentationen und 758 angenommenen Abstracts wurde klar – auch die Pandemie ließ die Forschung nicht stillstehen.

Menschen mit Typ-2-Diabetes mehr im Fokus

Menschen mit Diabetes, die Therapie und das Leben mit Diabetes zu unterstützen – das ist das Ziel der neuen Technologien betonte auch der Ko-Vorsitzende Prof. Dr. Tadej Battelino, Ljubljana (Slowenien), im Interview mit Prof. Dr. Bernhard Kulzer, Bad Mergentheim. Neben den bereits nachgewiesenen Therapieerfolgen bei Menschen mit Typ-1-Diabetes bringt nach seiner Ansicht auch der Einsatz von Continous-Glucose-Monitoring(CGM)-Systemen bei Patienten*innen mit Typ-2-Diabetes – auch schon im Stadium des Prädiabetes – Vorteile.2 Besonders bei der Entscheidung für eine bestimmte Therapieform und der Erfassung des therapeutischen Erfolges können CGM-Systeme in der Therapie des Typ-2-Diabetes gewinnbringend eingesetzt werden. Sie haben aber auch Potential für die Prävention des Typ-2-Diabetes: „Vielleicht erkennen wir auf der primären Ebene früher, dass bestimmte Personen eine Therapie brauchen. Andernfalls können sich Nieren-, Herz- und Kreislauferkrankungen entwickeln und dann kann es zu spät sein, um die Sekundärprävention für ein anderes Ereignis zu betreiben“, so der Diabetestechnologie-Experte und Pädiater. Die Anwendung von CGM-Systemen wird auch immer breiter: Auf dem Kongress wurde die Anwendung in Krankenhäusern diskutiert, aber auch der Ruf nach einem Standard für die Messsysteme wird immer lauter. Im Interview mit Dr. Guido Freckmann, Ulm, aber auch in der Sendung „ATTD kompakt“ wurden die neuesten Erkenntnisse hierzu von den zd-Mitgliedern diskutiert.

AID-Systeme – Konsens für eine breitere Anwendung

Auf dem Kongress zeigt sich: Die AID(Automated-Insulin-Delivery)-Systeme sind im „realen Leben“ angekommen, und so waren auch Referenten*innen in der Lage, zahlreiche Studien und Auswertung von Real-Live-Daten zu AID-Systemen vorzustellen. „Nun zeigt sich, dass nicht nur unter Studienbedingungen die Time in Range (TIR, Zeit im Zielbereich) unter der Anwendung von AID-Systemen verbessert wird“, erklärte Dr. Hansjörg Mühlen, Duisburg, und stellte in der digitalen Live-Sendung unterschiedliche Studienergebnisse vor. Die Daten zur TIR waren auch eine der zentralen Erkenntnisse des Kongresses. Es zeigt sich vor allem, dass Menschen mit Diabetes mit hohem HbA1c und schlechtem Diabetesmanagement von der Anwendung profitieren. Und so fordern einige Referenten*innen auf der Tagung, dass Hybrid-AID-Systeme für diese Patienten*innen als Therapieoption mehr in Betracht gezogen werden sollten. Im Gespräch mit der US-Wissenschaftlerin Prof. Dr. Laurel Messer, Denver (USA), wurde das sehr deutlich: „Bisher herrschte oft die Meinung: „Patienten*innen mit einer schlechten glykämischen Kontrolle sind keine guten Kandidaten*innen für Diabetestechnologien, weil sie nicht gut mit diesen umgehen. Die Realität sieht jedoch so aus, dass genau diese Personen am meisten von AID-Systemen profitieren, da sie von der Technik dabei unterstützt werden, bessere Therapieentscheidungen zu treffen. In einer Studie an unserem Zentrum profitierten selbst die Patienten*innen, die Mahlzeitenboli ausließen von AID-Systemen. Daher müssen wir umdenken und besonders die Menschen mit Diabetes in puncto AID-Systemen im Blick haben, die bisher keine ausreichend gute glykämische Kontrolle erreicht haben.“3 Aber auch für Menschen mit Diabetes ohne eine Insulinpumpentherapie sind vernetzte Insulinpens ein „smarte“ Alternative.

Wie smart ist smart?

Smart Pens sind wiederverwendbare Insulinpens, bei denen Informationen über Insulindosis und Zeitpunkt der Applikation entweder in eine Cloud hochgeladen oder per Bluetooth auf ein Smartphone und in eine App transferiert werden. Mit einem CGM-System kombiniert können die Daten noch genauer ausgewertet werden, um weitere Erkenntnisse über Glukoseprofile, z. B. bei verpassten Insulindosen zu Mahlzeiten, zu erhalten. Die Apps sind auch in der Lage, Patienten*innen noch präziser bei der Dosiskalkulation zu unterstützen. Eine Erinnerungsfunktion und die Möglichkeit, die Kohlenhydratmenge einer Mahlzeit über Schätzgrößen einzugeben, soll das Therapiemanagement zusätzlich erleichtern. Prof. Dr. Lutz Heinemann, Kaarst, stellte die neuen Entwicklungen und Studiendaten zu den Smart Pens in der Live-Sendung vor. Woran es seiner Ansicht nach zurzeit noch fehlt ist Evidenz – dennoch arbeiten die Hersteller mit Hochdruck an entsprechenden Studien.

Den Mitschnitt des Livestreams „ATTD Kompakt – Diabetes-Technologie im Fokus“ finden Sie hier.

Interview mit Prof. Dr. Tadej Battelino, Ljubljana (Slowenien), Prof. Dr. Laurel Messer, Denver (USA), und Dr. Guido Freckmann, Ulm

Interview mit Prof. Dr. Moshe Phillip, Petah Tikva (Israel), Dr. Charlotte Boughton, Cambridge (UK), und Prof. Dr. Thomas Danne, Hannover

Interview mit Prof. Dr. Robert Vigersky, Bethesda (USA), und Prof. Dr. Thomas Danne, Hannover

Weiterführende Informationen


Heimspiel: Der ATTD 2023 findet nächstes Jahr vom 22. – 25. Februar in Berlin statt.
Der neue Digitalisierungs – und Technologiereport Diabetes (D.U.T) 2022 steht nun zum Download bereit. Das Nachschlagewerk des zd, mit seiner Kombination aus Umfrageergebnissen und Fachbeiträgen ist in der neuen Ausgabe noch umfangreicher mit interessanten Ergebnissen.


Quellen:
1. 15th International Conference on Advanced Technologies & Treatments for Diabetes (ATTD), 27. bis 30. April 2022
2. Collyns O. J. et al. Diabetes Care 2021; 44(4): 969-975
3. Messer L. et al. J Diabetes Sci Technol 2022; 28

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