Kinder und Jugendliche – die Diabetespatienten*innen von morgen?

Berlin, 19.08.2021

Werbung für ungesunde Lebensmittel wirkt, das zeigt die Forschung. Vor allem Kinder werden von bunten Werbespots beeinflusst1,2, ohne sich der gesundheitlichen Risiken von übermäßigem Zucker- und Fettkonsum bewusst zu sein. Sollte die Politik Kinder vor Junkfood-Werbung – oder besser noch, gleich vor Lebensmitteln mit hohem Zucker- oder Fettanteil schützen? Beides findet in der Wissenschaft eine breite Zustimmung.

Comic-Helden*innen, Gewinnspiele und Videos, in denen Online-Stars um die Wette Fastfood futtern – so möchte die Lebensmittelindustrie ihre jüngsten Kunden*innen ködern, um sie langfristig an sich zu binden. Einer Hamburger Studie zur Folge sehen Kinder pro Tag 15 TV-Werbungen für fettiges und zuckerhaltiges Essen.1 Und die bunten Köder wirken: Ein Review aus dem Jahr 2019, in dem insgesamt 71 Studien aus den Jahren 1970 bis 2018 untersucht wurden, zeigte, dass Kinder nach dem Kontakt mit Werbespots für Fastfood, Süßwaren und Co. dazu neigten, mehr Kalorien zu sich zu nehmen.2 Im Internet geht die Junkfood-Dauerbeschallung weiter: Die Hamburger Wissenschaftler*innen schätzen, dass in Deutschland pro Jahr rund 900 Millionen „Ad Impressions“, also Kontakte mit Werbung, im Bereich der Lebensmittel auf Kinder entfallen.1 Der Nachwuchs erkennt je nach Alter häufig nicht, dass er mit Werbung gezielt beeinflusst werden soll2 – und dass es einen beunruhigenden Anstieg der Kinder mit Diabetes in Deutschland gibt3, weiß er vermutlich ebenso wenig:

Diabetes und Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen in Deutschland


  • Laut dem aktuellen Gesundheitsbericht der Deutschen Diabetes Gesellschaft (DDG) erkranken in Deutschland jährlich etwa 200 Kinder und Jugendliche im Alter von 12 bis 19 Jahren an Typ-2-Diabetes – das sind fünfmal so viele wie noch vor zehn Jahren.3
  • Die zweite Welle der KiGGS-Untersuchung, die das Robert Koch-Institut in den Jahren 2014 bis 2017 durchführte, förderte zutage, dass 15,4 Prozent der Kinder und Jugendlichen von 3 bis 17 Jahren in Deutschland übergewichtig sind, bei 5,9 Prozent liegt Adipositas vor.4
  • Bei adipösen Jugendlichen tritt bei ca. ein bis zwei Prozent ein Typ-2-Diabetes und bei bis zu zehn Prozent eine Störung des Glukosestoffwechsel auf.3

Weg von der ungesunden Ernährung – das sind die Forderungen

Es scheint sich abzuzeichnen, dass Junkfood-Werbung alle Bemühungen zur Erziehung von Kindern hin zu einer gesunden Ernährung torpediert – so sieht es Prof. Dr. Hans Hauner, Leiter des Else-Kröner-Fresenius-Zentrums für Ernährungsmedizin an der TU München und Vorsitzender der Deutschen Diabetes-Stiftung in einer Pressemitteilung des Wissenschaftsbündnisses „Deutsche Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten“ (DANK).5 Deren Mitglieder, zu denen auch die Deutsche Diabetes Gesellschaft (DDG) und der Verband der Diabetes-Beratungs- und -Schulungsberufe in Deutschland (VDBD) gehören, fordern, dass die Politik einschreitet, um Junkfood-Werbung für Kinder zu verbieten.5

Und damit ist das Bündnis DANK nicht alleine: Auch die Autoren*innen der hier zitierten Studien sprechen sich für eine Einschränkung des Kindermarketings für ungesunde Lebensmittel aus.1,2 Der Deutsche Werberat hat auf solche Forderungen insofern reagiert, als dass er eine Verschärfung der bisherigen Regeln für das Lebensmittelmarketing beschlossen hat, die am 1. Juni in Kraft getreten ist.6 Julia Klöckner, Bundesministerin für Ernährung und Landwirtschaft (CDU), glaubt, dass Kinder und Jugendliche durch diese Regeln nun besser geschützt seien7 – die DDG ist anderer Meinung und fordert: Schluss mit vagen Selbstverpflichtungen und her mit gesetzgeberischen Maßnahmen.8 Ein rechtliches Gutachten, das von der Organisation Foodwatch in Auftrag gegeben wurde, kommt zu dem Schluss, dass die Bundesregierung die rechtlichen Möglichkeiten für eine Einschränkung von Kinderwerbung hätte – analog zum Werbeverbot für Tabak, wo sie ihre Kompetenzen bereits wahrgenommen hat.9

Mit Steuern gegen den Softdrink-Overkill

Neben Werbeverboten für Junkfood stehen jedoch noch andere Maßnahmen zur Debatte. So fordert die DDG bundesweit verpflichtende Standards für die Verpflegung in Schulen und Kitas10,eine Reduktion des Zuckeranteils in verarbeiteten Lebensmitteln8 und eine nach dem Nährwertprofil gestaffelte Mehrwertsteuer.8,10 Eine Steuer auf Softdrinks, die die DANK auch für Deutschland fordert11, hat in anderen Ländern bereits Wirkung gezeigt: In Großbritannien sank der durchschnittliche Zuckergehalt von entsprechend gesüßten Kohlensäuregetränken um 42 Prozent, nachdem dort eine entsprechende Steuer in Kraft trat.12 In Deutschland ist lediglich geplant, den Zuckergehalt von Softdrinks bis 2025 um durchschnittlich 15 Prozent zu senken.13 Bei einigen anderen Lebensmittelgruppen ist der Gehalt an Zucker und Fett zwischen 2016 und 2020 ein wenig gesunken.14 Die Nationale Reduktions- und Innovationsstrategie des aktuellen Ernährungsministeriums sei jedoch nicht wirksam gegen Diabetes und Adipositas, so die DDG.9
Auch an der Aufklärung über die Inhaltsstoffe in Lebensmitteln hapert es aus Sicht von Experten*innen. Das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft hat zwar den Nutri-Score als freiwillige Bewertungsskala für die Nährwertprofile von Lebensmitteln eingeführt, die DDG fordert jedoch, die Kennzeichnung verpflichtend für alle Lebensmittel einzuführen, um mehr Transparenz für Verbraucher*innen zu schaffen.8

Nach der Wahl ist vor der Prävention

Die Experten*innen sind sich einig: Die Politik muss dringend etwas tun, um Kinder und Jugendliche vor den Lockrufen der Junkfood-Industrie zu schützen. Schließlich hätten es übergewichtige Kinder oft schwer, die überschüssigen Pfunde im weiteren Verlauf ihres Lebens wieder loszuwerden15 – und mit dem Übergewicht geht bekanntlich ein erhöhtes Diabetesrisiko einher. Der Deutsche Gesundheitsbericht Diabetes empfiehlt daher, gesündere Lebensbedingungen für Kinder und Jugendliche zu schaffen.16 Die aktuellen Strategien und Selbstverpflichtungen erweisen sich jedoch den Experten*innen zufolge bei genauerem Hinschauen als wenig wirksam. Klar ist allerdings, dass das Thema Diabetesprävention politisch hoch relevant bleibt – auch nach der Bundestagswahl am 26. September.


Quellen:
1. Effertz T. 2021, https://www.bwl.uni-hamburg.de/irdw/dokumente/kindermarketing2021effertzunihh.pdf (Stand 03.08.2021)
2. Smith R et al. Nutrients 2019; 11(4): 875
3. Danne T, Kapellen T. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021: 129-143
4. Schienkiewitz A et al. JoHM 2018; 3(1): 16-23
5. www.dank-allianz.de, 11.03.2021
6. www.werberat.de (Stand 22.06.2021)
7. Monecke A. www.diabetologie-online.de, 17.06.2021
8. Diabetes Zeitung 2021; 6(5): 4
9. Sefrin M. DiabetesNews 2021; 20(2): 8
10. Diabetes Zeitung 2021; 6(6): 4
11. www.dank-allianz.de, 21.06.2021
12. Kawther MH et al. Bull World Health Organ 2019; 97(12): 818-827
13. Deutsche Allianz Nichtübertragbarer Krankheiten (DANK), www.diabetologie-online.de, 27.10.2020
14. Max Rubner-Institut, www.diabetologie-online.de, 26.04.2021
15. Fabisch G. DiabetesForum 2021; 33(4): 35
16. Aberle J, Lautenbach A. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021; 40-48

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