Zu mehr Bewegung motivieren – gemeinsam gedankliche Hürden meistern

Berlin, 26.10.2021

Die Corona-Pandemie ist zwar noch nicht vorbei, ein beunruhigender Effekt zeigt sich allerdings schon jetzt: Viele Menschen haben während der Lockdowns an Körpergewicht zugelegt. Gedankliche Barrieren wie „Ich sehe blöd aus, wenn ich Sport mache“ oder „Das halte ich doch sowieso nie durch“ machen es vielen Menschen schwer, sich zu mehr Bewegung aufzuraffen. Wir haben ein paar Tipps, mit denen Sie Ihren Patienten*innen helfen können, diese Hürden zu überwinden.

Im Durchschnitt 5,5 kg mehr auf den Rippen – so viel haben knapp 40 Prozent der Befragten laut einer Studie der TU München während der Corona-Krise zugenommen. Zudem gab mehr als die Hälfte aller Studienteilnehmer*innen an, sich während der Pandemie weniger bewegt zu haben.1 Dabei spielt Bewegung eine wichtige Rolle bei der Prävention des Diabetes – sowohl um sein Auftreten zu verzögern als auch um den Erkrankungsverlauf zu verlangsamen.2 Sicher erklären Sie das Ihren Patienten*innen – doch auch mit diesem Wissen fällt es vielen schwer, mehr Bewegung in ihren Alltag zu integrieren.

Aller Anfang muss nicht schwer sein

Ein im Jahr 2021 veröffentlichter Review zeigt, dass es viele gedankliche Barrieren gibt, die guten Ratschlägen zu mehr Bewegung im Wege stehen können.3 Häufig haben Menschen mit Adipositas das Gefühl, keine Zeit oder Energie für körperliche Aktivitäten zu haben, oder sie trauen sich nicht zu, die nötige Disziplin für regelmäßige Bewegung zu entwickeln.3 Demgegenüber stehen aber oft Wünsche nach einem fitteren, gesünderen Leben, die als Antrieb dienen können.4 Fragen Sie Ihre Patienten*innen doch konkret, welche Art von Bewegung und welches zeitliche Pensum sie sich vorstellen können. Motivieren Sie auch zu kleinen Schritten. Möchte Ihr*e Patient*in zu Beginn täglich ein paar Minuten walken, wird das die körperliche Fitness zwar kaum nennenswert beeinflussen, aber es ist ein erster Schritt, Bewegung in den Alltag zu integrieren.5 Ein Blick auf den Schrittzähler am Handgelenk kann dabei motivierend wirken, im wahrsten Sinne des Wortes Schritt für Schritt mehr für die Gesundheit zu tun.6 Vielleicht finden sich ja ein paar Mitstreiter*innen für ein freundliches Kräfte- oder besser Schrittzahlmessen per App. Eine Studie aus den USA legt nahe, dass ein virtueller Wettbewerb die einzelnen Teilnehmer*innen tatsächlich motiviert, im Alltag mehr Schritte zu gehen.7

Vom Sport-Gucken zum Sport-Treiben

Scham, fehlende soziale Unterstützung, mangelnde Verbindlichkeit – viele dieser Hürden lassen sich in einer Gruppe, die sich regelmäßig zum Sport verabredet, besser meistern. Und ein Grundinteresse an gewissen Sportarten ist in der Bevölkerung durchaus vorhanden. Schließlich diskutieren Millionen von Menschen am Montag erst einmal über die Fußballergebnisse des vergangenen Wochenendes. Viele von ihnen haben womöglich früher selbst einmal gekickt und die Fußballschuhe dann aus gesundheitlichen Gründen an den Nagel gehängt. Was liegt da also näher, als die Anziehungskraft des Fußballs zu nutzen, um diese Menschen vom Sport-Gucken zum Sport-Treiben zu bringen? Die Antwort auf diese Frage entstand 2011 in England8 und nennt sich „Walking Football“. Die bekannte Fan-Hymne „You’ll Never Walk Alone“ erschien nie passender als bei dieser Art des Fußballs: Hier dürfen sich die Spieler*innen nur gehend fortbewegen. Zudem darf der Ball nicht über Hüfthöhe gespielt werden und harter Körperkontakt sowie Grätschen sind ebenfalls verboten.9 Walking Football ist vor allem für ältere Menschen geeignet.8 Ein zwölfwöchiges Programm für Männer über 50 Jahre, bei dem die Teilnehmer einmal wöchentlich für zwei Stunden Walking Football spielten, führte zu einer Verringerung von Körperfettmasse und -anteil.10 Inzwischen bieten viele große und kleine Vereine in Deutschland diese Trendsportart an.

Einen anderen Ansatz verfolgt das Projekt „Fußballfans im Training“, das ursprünglich aus Schottland stammt und mittlerweile auch in Deutschland von vielen Vereinen der oberen Ligen angeboten wird.7 Hier trainieren übergewichtige Fans zwischen 35 und 65 Jahren jeweils zwölf Wochen lang gemeinsam beim Lieblingsverein ihre Pfunde ab – jede*r in seinem*ihrem eigenen Tempo. Zusätzlich gibt es Tipps für eine gesunde Ernährung.11

Ohne Dranbleiben geht es nicht!

Sport ist anstrengend, teuer und unfitte Menschen, die Sport treiben, werden von anderen ausgelacht – diese Gedanken sitzen tief in vielen Köpfen und hindern die Betroffenen daran, ein aktives Leben zu führen. Dabei profitieren gerade jene, die zuvor inaktiv waren, von einer gesteigerten körperlichen Aktivität.2 Alltagstaugliche Empfehlungen, die sich ohne viel Aufwand umsetzen lassen, und Motivation durch eine Gruppe können Anreize sein, mit denen Sie Ihre Patienten*innen zu mehr Aktivität motivieren können.

Noch mehr Tipps für Bewegung


Mehr Informationen zum Projekt „Fußballfans im Training“ finden Sie hier.

Einen Bericht über die Trendsportart „Walking Football“ der ÄrzteZeitung können Sie hier nachlesen. Weitere Informationen über Walking Football erhalten Sie bei den einzelnen Fußballverbänden, z. B. beim Berliner Fußball-Verband (BFV) .

Informationen rund um das Thema „Sport für Menschen mit Diabetes“ hat die IDAA (International Diabetes Athletes Association) Deutschland e.V. auf ihrer Homepage zusammengestellt.

Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZgA) hat ein Kartenspiel entwickelt, um mehr Menschen zu gemeinsamer Bewegung zu motivieren. Auf 32 Karten werden verschiedene Bewegungen dargestellt. Das Spiel kann hier kostenlos bei der BZgA bestellt werden.


Quellen:
1. Pressemitteilung Technische Universität München, www.tum.de, 02.06.2021 (aktualisiert am 02.08.2021)
2. Behrens M, Borchert P, Kress S. Deutscher Gesundheitsbericht Diabetes 2021: 34-39
3. Baillot A et al. PLoS One 2021; 16 (6): e0253114
4. Diabetes Zeitung 2021; 6 (7/8): 20
5. Diabetes Zeitung 2021; 6 (5): 18
6. Diabetes Zeitung 2021; 6 (9): 5
7. Sefrin M. DiabetesNews 2021; 20 (4): 8
8. Müssig K, Adamek HE. Diabetologie 2021; 16: 219-225
9. Berliner Fußball-Verband e. V., www.berliner-fussball.de (Stand 11.10.2021)
10. Arnold JT, Bruce-Low S, Sammut L. BMJ Open Sport Exerc Med 2015 8;1 (1): bmjsem-2015-000048
11. Fußballfans im Training, www.fussballfansimtraining.de (Stand 01.10.2021)

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