Trends in der Diabetestechnologie – frisch vom ATTD

Berlin, 16.06.2021

Die International Conference of Advanced Technologies & Treatments (ATTD) hat sich zum führenden Kongress von Experten*innen im Bereich von Diabetestechnologie gemausert. Vom 2. bis 5. Juni trafen Entwickler*innen mit Diabetesexperten*innen und praktischen Anwendern*innen zusammen, um über den neuesten Stand der Technik auf dem Gebiet der Diabetesversorgung zu diskutieren. Mitglieder des Zukunftsboard Digitalisierung (zd) waren bei dem diesmal komplett virtuell ausgerichteten Kongress dabei und haben für Sie herausgefiltert, welche Entwicklungen für die Praxis besonders relevant sind.

Das Interesse an digitalen und technologischen Innovationen im Diabetesmanagement ist größer denn je. Und das nicht trotz, sondern gerade wegen der Corona-Pandemie – hat diese doch dazu beigetragen, dass die Digitalisierung im letzten Jahr rapide vorangeschritten ist. Der in der Vergangenheit oft als Entwicklerveranstaltung angesehene ATTD scheint sich in diesem Jahr schon fast zu einem Anwenderkongress entwickelt zu haben. Viele der dort gezeigten Angebote werden bereits in der Praxis eingesetzt. Und die Eckdaten der Veranstaltung sind beeindruckend: Die über 3.000 Teilnehmer*innen konnten sich in dem extrem dicht gepackten Programm über die neuesten Trends und Entwicklungen in der Diabetestechnologie informieren und austauschen. Von zuhause aus und mit der Möglichkeit, die Beiträge größtenteils im Anschluss auch on-demand anzuschauen, war das natürlich einfacher als vor Ort und reell. Doch welche Entwicklungen sind besonders praxisrelevant? Welche Technologien werden bereits jetzt eingesetzt oder stehen kurz vor ihrer Einführung? Welche Innovationen sind in Kürze zu erwarten?

Klein, aber oho!

Die Welt der CGM-Systeme hat sich hinsichtlich der Performance in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt, dabei war vor allem auch die Interoperablität ein wichtiges Feature. Der Trend geht klar in Richtung kleinerer, schlankerer Geräte. Aktuelle Studien weisen darauf hin, dass durch den Einsatz von CGM-Systemen eine deutlich bessere Stoffwechseleinstellung erreicht werden kann, verbunden mit niedrigeren Raten an Hypoglykämien sowie Ketoazidosen – und das nicht nur bei Typ-1- sondern auch bei Typ-2-Diabetes.2,3,4 Hintergrund dabei: Das Feedback der fortlaufenden Messwerte scheint Anwender*innen dabei zu unterstützen, ihr Verhalten anzupassen. Das kann letztendlich in einer besseren Stoffwechseleinstellung münden. Ein bedeutsamer Aspekt scheint dabei allerdings die sinnvolle Nutzung der Alarmfunktionen der CGM-Systeme zu sein.

Bei den Insulinpumpen wurde beim ATTD einmal mehr die ungeheure Bandbreite der verschiedenen Produkte deutlich. Es scheint sich abzuzeichnen, dass Insulinpumpen ganz spezifisch auf die Bedürfnisse bestimmter Nutzergruppen abgestimmt werden, wie etwa auf geriatrische Patienten*innen. Ähnlich wie bei den CGM-Systemen geht auch bei den Insulinpumpen der Trend hin zu immer kleineren Geräten mit zunehmendem Komfort in der Anwendung. So kam etwa eine sehr leichte Mikro-Patch-Pumpe aus der Schweiz zur Vorstellung (Sigi™, amf medical), die mit fertig vorgefüllten und einfach austauschbaren Insulin-Patronen arbeitet.5 Das Befüllen eines Reservoirs ist damit nicht mehr notwendig.5 Im Bereich der Insulin-Infusionssets hat es Bemühungen gegeben, Systeme zu entwickeln, die eine verlängerte Tragedauer bei verbesserter Hautverträglichkeit ermöglichen sollen. Ein erstes Infusionsset mit „Extended Wear Technology“ ist bereits auf dem Markt.6 Es bleibt abzuwarten, ob diese Entwicklungen sich im Hinblick auf die Qualität der Insulinabsorption über den verlängerten Zeitraum in Real-World-Studien bewähren werden.

Vom Loopen zum AID-System

Was vor einigen Jahren noch Zukunftsmusik oder nur den DIY-Loopern*innen vorbethalten war, ist nun Wirklichkeit geworden. Es gibt mittlerweile eine ganze Reihe von AID-Systemen, die sich teilweise noch in der Entwicklung befinden oder bereits zugelassen sind. Auch die Studienlage hat sich hierzu deutlich verbessert. Wie sich in den letzten Jahren gezeigt hat, kann die Anwendung mit AID-Systemen die TIR (Time in Range: Zeit im Zielbereich) ausgehend vom Ausgangsstatus um ca. 10-15 % erheblich (TIR 70-80 %) verbessern.7 Zudem werden immer mehr AID-Systeme neu in Deutschland eingeführt. Aktuell sind aber nur Hybrid-AID-Systeme verfügbar: Bei diesen steuert ein Algorithmus auf Basis der CGM-Werte die Abgabe des basalen Insulins. Er berechnet den Insulinbedarf immer wieder neu und passt die Abgabe des basalen Insulins permanent an. Der*die Anwender*in muss Mahlzeiten- oder Korrekturboli allerdings selbst eingeben. Eine fortgeschrittene Variante des Hybrid-AID – das Advanced-AID-System – ist in der Lage, Korrekturboli vollständig abzugeben, aber die Mahlzeitenboli müssen noch selbständig abgegeben werden. Kommerzielle Voll-AID-Systeme, die alles steuern können, sind aktuell in der Entwicklung (einen guten Überblick hierzu finden Sie auch im aktuellen DIGITAL.corner).

Technik ist da – nun geht’s an die Optimierung der Anwendung

Die Technik ist entwickelt, die Studienlage sieht gut aus. Nun stellen sich weitere Fragen, die beantwortet werden müssen: Welche Bedürfnisse hat der*die Patient*in? Werden die Anwender*innen ausreichend geschult? Funktionieren die AID-Systeme auch verlässlich bei Sport oder Schwangerschaft? Gibt es auch Studiendaten zu Subpopulationen wie etwa Senioren*innen? Zukünftige Entwicklungen zielen auf eine Personalisierung von AID-Systemen, auch mit Unterstützung von künstlicher Intelligenz, hin. Und das ist auch notwendig – so das Fazit von den Referenten*innen – denn nur, wenn die Systeme individualisiert angewendet werden können, kann das Potenzial ausgeschöpft werden. Denn auch die Frage der Kosten und Nutzen wird nächster Zukunft gestellt werden. Erste Studiendaten hierzu aus Österreich wurden auf dem ATTD hierzu schon vorgestellt.8

Smart Pens – intelligente Insulin-Pens

Smart Pens sind wiederverwendbare Insulin-Pens, bei denen sowohl Insulindosis als auch Zeitpunkt der Applikation entweder in die Cloud hochgeladen werden oder per Bluetooth auf ein Smartphone und in eine App transferiert werden. Je nach Hersteller können die Pens aber noch deutlich mehr: sie warnen vor Hypoglykämien, erinnern an verpasste Dosen, haben einen Dosiskalkulator und vieles mehr. In Kombination mit geeigneten CGM-Systemen stellt ein Smart Pen für viele Patienten*innen, die eine intensivierte konventionelle Insulintherapie (ICT) benötigen, eine attraktive Option dar. Unklar ist noch, wie lange die Smart Pens halten: einige Unternehmen schreiben in Ihren User-Guides, dass die Batterie etwa ein Jahr hält und die Patienten*innen dann ein neues Rezept benötigen.9,10 Bei Anderen scheint der Smart Pen etwas länger zu halten (4-5 Jahre)11 und es gibt auch wiederaufladbare Systeme.12 Wertvoll für Diabetologen*innen könnte das sogenannte „Ambulantes Insulinprofil“ analog zum Ambulantes Glukoseprofil (AGP) sein, das sehr detailliert das Spritzverhalten der Patienten*innen dokumentiert und so die Therapieoptimierung erleichtert.

Videostream „ATTD Kompakt: Diabetes-Technologie im Fokus“ – lebendige und praxisnahe Kongresszusammenfassung

Neugierig geworden? Dann schauen Sie doch rein in den Videostream „ATTD Kompakt – Diabetes-Technologie im Fokus“. Dort geben Ihnen die Mitglieder des Zukunftsboards Digitalisierung (zd) eine spannende Zusammenfassung der Kongress-Highlights, benennen Trends und ordnen sie im praktischen Kontext ein. Erfahren Sie, welche Neuentwicklungen bereits verfügbar oder aber bald zu erwarten sind, und erleben Sie eine spannende Diskussion rund um die Digitalisierung in der Diabetologie. Zusätzliche Informationen liefern Video-Interviews mit den international renommierten Diabetestechnologie-Experten Prof. Dr. Tadej Battelino, Ljubljana (Slowenien), Prof. Dr. Eric Renard, Montpellier (Frankreich) und Prof. Dr. Johan Jendle, Örebro (Schweden). In Kürze wird der Mitschnitt der Sendung auch als eCME-Modul im Kirchheim Verlag zur Verfügung stehen.


Quellen
1. Leach J ATTD 2021; Dexcom
2. Karter AJ et al. JAMA 2021, doi.org/10.1001/jama.2021.6530
3. Martens T et al. JAMA 2021, doi.org/10.1001/jama.2021.7444
4. Visser MM et al. Lancet 2021, doi.org/10.1016/S0140-6736(21)00789-3
5. www.sigipump.com
6. www.medtronic.com
7. Haider A ATTD 2021
8. Cohen O ATTD 2021
9. InPenTM System instructions for Use, Metronic: S. 58, 53 https://www.medtronicdiabetes.com/sites/default/files/library/download-library/user-guides/InPen-user-guide.pdf
10. Tempo Smart ButtonTM instructions for Use, Lilly : S 2 https://usermanual.wiki/Eli-Lilly-and/LLY00043845100-4435803.pdf
11. NovoPen Echo® Plus User guide, Novo Nordisk: S.39 https://developer.novonordisk.com/content/dam/Global/AFFILIATE/digitalhealth-novonordisk-com/en_gb/documents/8-4261-00-004-1_cropped.pdf
12. Gomez-Peralta F et al. Diabetes Technol Ther 2019; 21(4): 209-214
13. Bergenstal R ATTD 2021

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